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Watzmann
Tour 653 2712m Watzmann Südspitze - Ostwand, Salzburger Weg Berchtesgadener Alpen Klettern 5 05.07.17    

Anspruchsvoller Weg durch die Watzmann-Ostwand www.sirdar.de


Watzmann
Die Watzmann-Ostwand am Unfalltag
Das dürfte jetzt für längere Zeit der letzte Eintrag auf sirdar.de sein. Ich hoffe schon, dass noch ein paar dazu kommen, aber die Zeiten der anspruchsvollen Touren liegt wohl hinter mir.

Ich habe immer gewußt, dass das Bergsteigen extremerer Ausrichtung auch mit viel Glück verbunden ist. Nun hat es mich erwischt, das Glück war wohl aufgebraucht. Aber es gibt mich noch, doch den Rest der mir zustehenden kostbaren Substanz Glück habe ich definitiv für den Sturz benötigt.

Was ist passiert? Mit Thomas hatten wir uns den Salzburger Weg an der Watzmann Ostwand ausgeguckt. Wir wollten die Sache in zwei Tagen angehen und am Anfang des Schöllhornkars bei den dort vorhandenen Biwakblöcken die Nacht verbringen. Gemütlich nahmen wir also ein Boot nach St. Bartholomä und gönnten uns dort ein Mittagessen, bevor wir zum ersten Schneefeld, der Eiskapelle wanderten. Steigeisen an und los ging es. Obwohl wir früh im Jahr dran waren, war die Randkluft rundherum schon sehr weit offen. Wir fanden nach längerer Suche nur einen Punkt, wo der Übergang gelingen konnte. Der Fels jenseits der Randkluft sah nicht optimal, aber doch machbar aus. Ziemlich kompakt, steil und mit Schutt bedeckt.
Thomas postierte sich an der Randkluft und nahm mich in Körpersicherung. Ich kletterte los und kam auch gut voran. Für eine Zwischensicherung wollte sich nix finden lassen. Ein schwieriger Griff, ein wackeliger Tritt, doch darüber hätte ich es geschafft. Leichteres Gelände lockte ...

Das nächste woran ich mich erinnern kann, ist die Intensivstation im Salzburger Krankenhaus.

Das "Dazwischen" weiß ich also nur von Erzählungen. Jedenfalls war ich auf viele, viele Helfer angewiesen, die mir alle das Leben retteten. Zuerst natürlich Thomas.
Ich war wohl 10 Meter über Thomas, beim Sturz flog ich direkt in die Randkluft, so dass insgesamt 20 Meter zusammengekommen sind. Aufgrund der Geländebeschaffenheit muss ich wohl ein paar mal aufgeschlagen sein. Das Thomas mit Körpersicherung den Sturz halten konnte, grenzt schon mal an ein Wunder und war wohl nur deswegen möglich, weil sich das Seil zwischen Eis und Fels verklemmte.
Thomas schaffte es anschließend mit einem Klemmkeilentferner eine Eissanduhr zu schlagen, wo er mich sichern konnte. Handy-Empfang gibt es bei der Eiskapelle nicht. Thomas konnte sich jedoch mit einem der vielen Tagesausflüger verständigen, welche die Bergwacht verständigten. Die schafften es, mich rauszubekommen. Per Hubschrauber ging es in die Klinik nach Salzburg. Ich muss wohl die ganze Zeit ansprechbar, also bei Bewußtsein gewesen sein. Ich weiß davon jedoch wie erwähnt nix mehr. Alles weg, der Schock war wohl groß und mein Bewußtsein schützt mich vor diesen Bildern. So hat es mir zumindest eine Psychotherapeutin erklärt.

Die Schadensbilanz, ein mehrfacher Beckenbruch, ein ausgekugeltes Knie, ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, ein Bruch im Handgelenk. Vergleichsweise günstig, würde ich mal sagen, nach so einem Sturz. Der voll gepackte Rucksack hat mich wohl vor Schlimmeren bewahrt. Blaue Flecken und Prellungen hatte ich quasi überall, am ganzen Körper. Nur nicht am Rücken, wo der Rucksack war.

Bleibt nur noch Danke zu sagen, all denen, welche mir das Leben erhalten haben. Zuvorderst natürlich Thomas, wenn es mich schon reinhaut, dann war er sicherlich der dafür beste Tourenpartner. Natürlich auch ein großes Danke der Bergwacht von Berchtesgaden. So könnte ich jetzt lange weitermachen. Es ging Hand in Hand. Da wird einem mehr als deutlich bewußt, welchen Luxus wir hier in Deutschland, oder auch Österreich, rund um die "Gesundheit" genießen.

Ich war insgesamt 7 Wochen im Krankenhaus. 3 Wochen in Salzburg, den Rest in Murnau.

In Salzburg gab es neben der Notfall-OP noch zwei, um mein Becken wieder zusammenzuschrauben. Dabei wurde auch der Ischias-Nerv angekratzt, genauer gesagt der Peroneus-Anteil. Das ist mit einer Lähmung am Fuß(heber) verbunden. In Murnau wurde in einer OP noch das Knie geflickt, hier waren durch die Luxation sämtliche Bänder gerissen.

Das Knie war dann insgesamt 10 Wochen ruhiggestellt. Als nächstes steht die Reha an. Von Zeit zu Zeit werde ich hier ein paar Updates geben.

Update 28.10.2017:
Nach insgesamt 6 Wochen Reha durfte ich wieder nach Hause. Fortschritt ist da, aber wie von allen prophezeit, dauert das alles sehr lange. Ich bin noch auf Gehstützen angewiesen, längere Strecken schaffe ich damit noch nicht. Knie kann ich eingeschränkt wieder bewegen. Der Fuß "schreit" aufgrund der Nervenverletzung immer noch, soll sagen, die Sache ist schmerzhaft. Ich habe aber den Eindruck, dass die Muskeln, um den Fuß zu bewegen, sich langsam wieder bemerkbar machen.

Im Buch von Ueli Steck, "Der nächste Schritt", fand ich folgenden Satz:

"Je öfter man sich in den Bergen bewegt, je länger man sich in gefährlichem Gelände aufhält, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es einen dabei erwischt - das ist eine einfache Rechnung."

Das trifft es voll, wie ich finde. Alles ein Frage der Statistik. Auch sonst ist das Buch sehr lesenswert. Ueli Steck ist ja leider im April 2017 tödlich verunglückt, er hatte nicht so viel Glück wie ich. Aber wenn man das Buch liest, ich glaube, er wußte was kommt.

Update 27.11.2017:
Werde hier etwas genauer Protokoll über meinen Unfall führen, in der Hoffnung in einigen Jahren die Sache ganz entspannt nochmal nachvollziehen zu können. Vielleicht hilft es auch jemanden, der in eine ähnliche Situation gerät.

Jetzt bin ich auch schon wieder einen Monat seit der Reha daheim. Ganz kleine Fortschritte gibt es doch, aber die ganze Heilung geht schon sehr langsam voran. Ich hab angefangen in so einer Art Schlurfschritt durch die Wohnung zu tapsen. Meist bin ich jedoch auf Stützen und Rollstuhl angewiesen. Mit Stützen gehen kleinere Runden vor der Haustür, mehr aber nicht. Sonst streikt die Kondition und vor allem mein lädiertes Handgelenk. Bezüglich meiner Nervengeschichte sieht man jetzt zumindest wieder, dass der Fußheber wieder zuckt, mehr aber auch nicht. Die Nervenläsion ist also zum Glück unvollständig, was die Prognose für die Heilung etwas verbessert. Die damit verbundenen Schmerzen im Fuß sind nach wie vor da und die machen mir das Leben manchmal ziemlich schwer.

Aber es geht immer schlimmer, für abgestürzte Bergsteiger und solche, die es vermeiden wollen, kann ich das absolut lesenswerte Buch von Robert Steiner empfehlen, "Selig, wer in Träumen stirbt".


Bleibt mir nur noch der Tipp, gehts in die Berge, aber fallts ned runter. Runterfallen ist nämlich eine besch... Erfahrung.

Watzmann
Da ist es irgendwo passiert. So sah die Eiskapelle am Unfalltag aus.

Alle Texte und Bilder so nicht anders vermerkt von Stephan Rankl.
www.sirdar.de - Kommentar

Kommentare zur Tour (Kommentar hinzufügen)


Name: Adi Witt
Datum: Friday 2017-11-17 15:07:10
Betreff: Gute Besserung
Nachricht:
Servus Stephan,
gute Besserung. Vielleicht gibts ja dann wieder schöne Berichte von Dir.

Vorsorglich (für den Fall dass nicht alles wieder 100%ig wird) solltest Du den Unfall bei privaten Unfallversicherungen melden, etwa bei der vom Alpenverein (falls Du Mitglied bist):

www.alpenverein.de/aktuelles-info/versicherungen/bergungskosten-unfall-bergunfall-versicherung_aid_10256.html

Herzliche Grüße
Adi
Name: Matters
Datum: Friday 2017-10-13 11:02:52
Betreff: gute Besserung
Nachricht:
Servus Stephan,

alles Gute weiterhin und eine hoffentlich vollständige Genesung, damit es in absehbarer Zeit wieder mal was von Dir und deinen Touren zu berichten gibt.

Matters
Name: Stefan
Datum: Friday 2017-10-13 10:04:40
Betreff: gute Besserung
Nachricht:
Hallo Stephan,
Wünsche Dir hiermit gute Genesung. Hatte 2002 auch so einen Unfall (Polytrauma mit Beckenbruch und anderen Brüchen). Bin soweit wieder hergestellt, und weiter aktiv am Berg. Das wird definitiv wieder, wir Bergsteiger haben halt Überlebenswillen!
Beste Grüße
Stefan
rrroehrig@web.de
auf bergtour.ch user
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